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Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.

Wie Schüler vor und nach Gedenkstättenbesuch Bautzen über DDR denken

17.06.2010 / 10:22. "Erschreckende Bildungslücken bei Schülern über die DDR", "Schüler verharmlosen die SED-Diktatur", "Alles nicht so schlimm gewesen". So und ähnlich lauteten vor einem Jahr, nach Veröffentlichung von Ergebnissen einer Schülerbefragung durch den Forschungsverbund SED-Staat ("Schroeder-Studie"), die Schlagzeilen. Die Autoren der Studie, Politiker, aber auch Leitungen von Gedenkstätten forderten zwecks Abhilfe unter anderem, alle Schüler zu einem Besuch in Gedenkstätten wie Marienborn, Moritzplatz Magdeburg oder Berlin-Hohenschönhausen zu verpflichten. Aber kann schönfärberischen Tendenzen mit Gedenkstättenbesuchen tatsächlich wirkungsvoll begegnet werden? Nach einer aktuellen Studie zu Schulklassenbesuchern in der Gedenkstätte Bautzen kann man erstmals empirisch begründet sagen: Ja, mit Einschränkungen.


Internetseite der Gedenkstätte Bautzen

Die Gedenkstätte im Gebäude des ehemaligen "Stasi-Knastes" Bautzen II steht im öffentlichen Bewusstsein wie keine andere für Unrecht und politische Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) und in der DDR. 88.000 Menschen haben den Ort 2008 besucht, darunter 5.500 Schüler. Mit welchen Erwartungen, welchen Gefühlen und welchen Einstellungen zur DDR kamen sie in die Gedenkstätte? Wie haben sie diesen Ort wahrgenommen und welche Folgen hatte der Besuch?

Eine von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten initiierte und von Museva. Agentur für Besucherforschung Leipzig im Jahre 2008 realisierte empirische Untersuchung wollte Antworten auf diese Fragen finden. Sie bestand aus drei Teilen: Aus einer Befragung von 372 Schülern mittels Fragebogen vor dem Besuch der Gedenkstätte, aus 14 Gruppeninterviews mit 72 ausgelosten Schülern etwa sechs Wochen nach dem Besuch sowie aus 14 Interviews mit den begleitenden Lehrern ebenfalls etwa sechs Wochen nach dem Besuch. Es handelte sich um eine statistisch annähernd repräsentative Stichprobe. Gut 80 Prozent der befragten Schüler kamen aus Sachsen.

Die Resultate der schriftlichen Befragung vor dem Besuch bekräftigen die Ergebnisse der Schroeder-Studie. So meinten 12 Prozent, die Regierung der DDR sei demokratisch gewählt worden, ein Viertel antwortete dazu mit "Weiß nicht". Ein Viertel verneinte die Aussage, dass die DDR eine Diktatur war, ein weiteres knappes Viertel wusste es nicht. Andererseits finden sich zahlreiche Hinweise auf eine durchaus kritische Bewertung der DDR. Solche Anzeichen gab es auch in der Schroeder-Studie, sie gingen aber in der politischen Instrumentalisierung der Ergebnisse unter. In der Bautzener Befragung verneinten vor dem Besuch 80 Prozent die Aussage: "In der DDR war die freie Meinungsäußerung ein wichtiges Recht". Bei der Frage: "Was fällt Ihnen ganz spontan zur DDR ein?", fielen die häufigsten Nennungen auf Begriffe wie "Stasi", "Unterdrückung", "Überwachung", "Schießbefehl" und "Mauer".

Wer die Schuld an den teilweise Fehleinschätzungen der DDR bei Schülern vor allem bei den ehemals DDR-staatsnahen Lehrern, dem Lehrplan oder einem schlechten Geschichtsunterricht zur DDR liegen sieht, der macht es sich zu einfach. Zwar gab die Hälfte der befragten Schüler an, die Inhaftierung politischer Gegner in der DDR sei im Schulunterricht kaum oder gar nicht behandelt worden. Dies stellten aber immerhin auch 37 Prozent für die Inhaftierung politischer Gegner im Nationalsozialismus fest. Für das Thema DDR-Geschichte gilt aber noch mehr als für die zeitlich vorangehende Behandlung des NS: Wenn am Ende des Schuljahres die Stunden verbraucht sind, kommt das Thema zu kurz. Außerdem muss man wissen, dass Geschichte in der 10. Klasse der sächsischen Mittelschule nur noch ein Wahlpflichtfach ist.

Überraschend groß war trotz des schulischen Charakters das Interesse der Schüler. Mehr als drei Viertel fühlten sich vor dem Besuch "gespannt und neugierig" und erwarteten, dass es "interessant und spannend" wird. Nur etwa ein Fünftel fühlte sich "gelangweilt und lustlos". Wie erinnerten sich die Schüler nun mehrere Wochen nach dem Besuch an ihren Aufenthalt in der Gedenkstätte? Die meisten zeigten sich noch im Nachhinein schockiert und fanden das Gesehene "unvorstellbar". Ein 15-jähriges Mädchen sagte: "Ich hab`s mir nicht so schlimm vorgestellt." Besonders die bedrückende Atmosphäre, die Enge der Arrestzellen ("Tigerkäfige"), der Isolationstrakt und die Freiganghöfe, "wo die da wie Hunde eingesperrt waren" (Schüler, 16 Jahre), waren im Gedächtnis geblieben. Das Leid der Insassen wurde durch Einfühlen in ihre Lage nachvollziehbar, das an ihnen verübte Unrecht anschaulich vor Augen geführt. Eine 16-jährige Schülerin sagte: "Dass die da eingesperrt wurden, nur weil sie eine andere Meinung gehabt haben, ist nicht in Ordnung." Nicht wenige berichteten auch darüber, durch den Besuch Neues erfahren zu haben, zum Beispiel über die zentrale Lage des Gefängnisses mitten in der Stadt oder über die Spitzeltätigkeit unter den Gefangenen. Besuch und Führung wurden, bei Verbesserungswünschen im Detail, insgesamt positiv bewertet.

Mehr als die Hälfte der Schüler berichtete, dass sie hinterher mit Eltern oder Großeltern über den Besuch gesprochen hatten. Einige stellten ihren Kindern bzw. Enkeln interessiert Nachfragen oder machten deutlich, dass sie selbst wenig über die Bautzener Haftanstalten wussten. Andere erzählten von politischer Verfolgung, Überwachung und Mangelwirtschaft, aber auch von Stasi-Verstrickungen in der Familie. Nicht selten wurden die Schüler mit einer verklärenden Sicht auf die DDR konfrontiert. "Die wollten nicht die negativen Seiten der DDR hören. So war mein Gefühl (...) Sie stehen halt auf dem Standpunkt, früher war alles besser.", meinte ein 16-jähriger Schüler. Ein Grund dafür wird in der Äußerung einer 17-jährigen Schülerin deutlich: "Meiner Oma ging es damals auf jeden Fall viel besser. Ich meine, die hat jetzt, seitdem die DDR weg ist, (...) nie wieder einen wirklichen Job gehabt, außer mal einen 1-Euro-Job." Durch den Gegensatz von Besuchserlebnis in Bautzen und solchen Erzählungen der Eltern gerieten Schüler in einen Zwiespalt und fragten sich, "wie es denn in der DDR nun wirklich war". (Schüler, 16 Jahre)

So verwundert es nicht, dass die konkreten Einblicke in das Unrecht in Bautzen nicht automatisch dazu führen, dass das Bild von der DDR von verklärenden Aspekten gänzlich frei wird. Die "sozialen Errungenschaften" und der "gute Zusammenhalt" der Menschen treten in den Interviews als "gute Seiten" neben die politische Repression und die Überwachung. Immerhin: allzu positive Darstellungen der DDR werden bezweifelt: "Also wo ich das da gesehen habe mit der Stasi (...) da kann ich mir das gar nicht so vorstellen, dass es in der DDR besser war." (Schüler, 16 Jahre) Einige Schüler äußerten Zufriedenheit darüber, dass ihnen diese negativen Seiten vor Augen geführt worden sind, denn "Bautzen" war bis dahin kein Thema in den meisten Familien.

Die Erwartung, in einer eineinhalbstündigen Führung alle falschen Vorstellungen von der DDR korrigieren oder geschichtliches Grundwissen über eine angeblich erfolgreiche DDR-Wirtschafts- und Sozialpolitik vermitteln zu können, ist unrealistisch. Aufgrund der Aura des Ortes, seiner Anschaulichkeit und der mit dem Aufenthalt verbundenen Emotionen wird der Besuch aber nachhaltig im Gedächtnis verankert. Sein größtes Potential liegt nicht darin, Wissen zu vermitteln, sondern Anstöße zum Nachdenken und Impulse zur weiteren Beschäftigung mit der DDR-Geschichte zu geben. In welche Richtung der Besuch letztlich weiterwirkt, entscheidet sich in großem Maße erst im Nachhinein. Der späteren "Nachbereitung" des Besuchs im Unterricht, die gegenwärtig nur sehr selten stattfindet, muss deshalb viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Und soll man nun Gedenkstättenbesuche für Schüler zur Pflicht machen? Dies würde gerade im Osten ungute Erinnerungen an den "verordneten Antifaschismus", an Indoktrination und Instrumentalisierung von Geschichte für politische Zwecke wecken. Schülern und Lehrern den Zugang zu Gedenkstätten weit möglichst erleichtern, sollte man aber sehr wohl. Die Vorbereitung des Besuchs ist zeitintensiv, nicht selten fehlt die Unterstützung im Kollegium oder einfach auch das Geld für die Fahrt, wie die befragten Lehrer berichteten. Dem ließe sich mit staatlichen Zuschüssen für An- und Abreise oder durch (zumindest teilweise) Freistellung von Lehrern für die Unterstützung der pädagogischen Arbeit in den Gedenkstätten ("Gedenkstättenlehrer") entgegenwirken.

Wesentliche Ergebnisse der Schülerbefragung in der Gedenkstätte Bautzen

I Vor dem Besuch (Ergebnisse schriftlicher Befragung)

1. Die Vorkenntnisse zur DDR-Geschichte sind durchwachsen. Hinsichtlich der Einschätzung der DDR als Diktatur, der Leistungen ihres Wirtschaftssystems sowie ihres Charakters als Sozialstaat gibt es nennenswerte Unsicherheiten oder gar positive Bewertungen. Insgesamt überwiegt aber eine kritische Einstellung zur DDR.

12,2 % meinen, die Regierung der DDR sei demokratisch gewählt worden, 25,3 % antworten "Weiß nicht".

25,5 % verneinen die Aussage, dass die DDR eine Diktatur war, 23 % antworten "Weiß nicht".

34,5 % sagen: "DDR war ein Sozialstaat mit guter Versorgung für alle Menschen, 17,5 % sagen: "Weiß nicht".

Zugleich:

80,7 % verneinen die Aussage, dass die freie Meinungsäußerung in der DDR ein wichtiges Recht war.

Etwa 80 % stimmen der Aussage zu: "Gut, dass die DDR nicht mehr existiert."

Auf die Frage: "Was fällt Ihnen ganz spontan zur DDR ein?", fallen knapp die Hälfte aller Nennungen in den Bereich Repression/Überwachung/Diktatur, beispielsweise Begriffe wie: "Stasi", "Unterdrückung", "keine Meinungsfreiheit", "Überwachung", "Schießbefehl".

2. Die Vorbereitung des Besuchs in der Gedenkstätte ist unzureichend. (Vorbereitung und Vorkenntnisse erhöhen aber Motivation, Ernsthaftigkeit und Emotionalität der Schüler!)

65,1 % sagen, der Besuch sei in der Schule nicht vorbereitet worden.

54,4 % sagen, die Inhaftierung politischer Gegner in der DDR sei im Schulunterricht kaum oder nicht behandelt worden. (Immerhin 36,6 % sagen dies auch für die Zeit des Nationalsozialismus.)

3. Interesse ist da! Trotz des schulischen Charakters kommt die große Mehrheit der Schüler sehr interessiert und motiviert in die Gedenkstätte.

73,4 % fühlen sich vor dem Besuch "gespannt und neugierig", nur 20,9 % "gelangweilt und lustlos".

Drei Viertel antworten auf die Frage nach ihren Erwartungen, dass es "interessant und spannend" wird.

II Der Besuch (Ergebnisse von Gruppeninterviews)

4. Besuch und Führung in der Gedenkstätte Bautzen werden, bei Verbesserungswünschen im Detail, sehr positiv bewertet. Über drei Viertel der bewertenden Aussagen in den Gruppeninterviews drücken Lob und Anerkennung aus.

5. Durch den Besuch fühlen sich die Schüler in das Schicksal der Inhaftierten ein, ihr Unrechtsbewusstsein wird angeregt.

"Mein zweiter Eindruck nach dieser Tatsache, dass es mitten in der Stadt liegt, ist, es war dort drin einfach diese bedrückende Atmosphäre. Diese ganzen Zellen, die originalgetreu hergerichtet waren. Man hat sich gefühlt, als würde man ganz frisch hin kommen, obwohl es noch gar nicht so lange her ist. Das hat einen schon bewegt, sich das dann so vorzustellen, wie der Alltag dort aussah." (Berufsfachschülerin, 20 Jahre)

6. Die konkreten Einsichten über das Unrecht in Bautzen führen nicht automatisch dazu, dass das Bild von der DDR von verklärenden Aspekten frei wird. Die Einordnung des Besuchs in geschichtliche Zusammenhänge bleibt weitgehend aus. Einseitig positive Darstellungen der DDR werden nach dem Besuch aber hinterfragt.

"Aber ich kann mir das eigentlich jetzt gar nicht mehr vorstellen. Also wo ich das da gesehen habe mit der Stasi, da halt auch. Da kann ich mir das gar nicht so vorstellen, dass es in der DDR besser war. Die sagen zwar immer alles war in der DDR besser, aber also, ich kann mir das eigentlich gar nicht so vorstellen. Weil ich sage, gerade das mit der Stasi, das hat mich betroffen, dass das da so schlimm war." (Sekundarschüler, 16 Jahre)

7. Die Schüler stellen nur selten von sich aus aktuelle Bezüge her. Auf Nachfrage stellen sie Verbindungen her zu Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten (z. B. Tibet), zur Diskussion um Online-Durchsuchungen, zu Haftbedingungen heute.

III Folgen des Besuchs (Ergebnisse von Gruppeninterviews)

8. Der Besuch weckt Interesse am Thema und regt zu nachträglichen Diskussionen, z. B. innerhalb der Familie, an. Er gibt Impulse/Anstöße zum Nachdenken.

"Also ich habe schon mit meiner Mutter darüber geredet, weil sie hat ja auch immer eine andere Ansicht davon und so hat sie mir das eigentlich nicht erzählt. Ich meinte auch zu ihr, sie kann sich das ruhig einmal angucken fahren und da eben eine bisschen andere Sicht dazu sehen. Die wusste erst mal überhaupt nicht, dass es so schlimm war dort drin. Aber sie glaubt das halt auch nicht wirklich, dass es so schlimm da drin war." (Mittelschüler, 16 Jahre)

9. Der Besuch wirkt vor allem aufgrund seiner Emotionalität nachhaltig. Noch viele Wochen später zeigen sich die Schüler betroffen. Sie können sich an viele Details (Objekte, Eindrücke, aber auch Informationen) erinnern. Fast die Hälfte der Äußerungen über Erinnerungen an den Besuch bezieht sich auf die Behandlung der Inhaftierten oder der Haftbedingungen.

"Was für mich überraschend war, dass Spitzel auch unter den Gefangenen waren. Das wusste ich nicht, da war ich auch geschockt. Dass sich noch nicht mal die Gefangenen untereinander vertrauen konnten, denn das ist ja Manipulation in allen Lebensbereichen." (Berufsfachschülerin, 20 Jahre)

10. In den Gruppeninterviews nach dem Besuch werden mehr positive Äußerungen zur DDR getätigt, als im Fragebogen vor dem Besuch. Vermutung: Die Schüler versuchen, die Besuchseindrücke in das in den Familien vermittelte Bild zu integrieren. Dabei werden negative Seiten tendenziell relativiert.

"Das einzige was ich bloß weiß, ist, dass meine Oma (...) Dass es ihr damals auf jeden Fall viel besser ging. Ich meine, die hat jetzt seitdem die DDR weg ist [...] nie wieder einen wirklichen Job gehabt, außer mal einen 1Euro-Job. Und früher hat sie halt in so einer Schuhfabrik gearbeitet. Und konnte halt damals meiner Tante und meiner Mutter wenigstens ein bisschen etwas bieten. Jetzt eigentlich hat sie im Prinzip gar nichts mehr wirklich." (Mittelschüler, 16 Jahre)

IV Schulische Rahmenbedingungen (Ergebnisse von Einzelinterviews mit Lehrern)

11. Die Lehrer klagen über Probleme der Finanzierung der Fahrten in die Gedenkstätte, Schwierigkeiten bei der Abstimmung innerhalb des Kollegiums, zu wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung, zu wenige Zeitzeugen, zu wenig Stunden Geschichtsunterricht.

Anmeldung und Informationen für Geschichtslehrer:
www.stsg.de/cms/bautzen/besucherinfo/anschrift_oeffnungszeiten_anmeldung

[Von Bert Pampel]

Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V..

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