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Wenn Musik "erzählt" - neue Publikation aus dem Bereich Ethnologie

23.09.2010 / 13:51. Wie benutzen Menschen auf der französischen Insel La Réunion ihre Musik, um auf sich und ihre Heimat aufmerksam zu machen? Der Ethnologe Carsten Wergin ist dieser und ähnlichen Fragen in seiner Dissertation „Kréol Blouz“ nachgegangen, die jetzt im Buchhandel erhältlich ist. Er ist Postdoctoral Fellow in der Graduiertenschule Gesellschaft und Kultur in Bewegung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).


„Krike!“ rufen die Geschichtenerzähler auf La Réunion und „Krake!“ antwortet ihr Publikum, wenn es aufmerksam ist und gespannt darauf, was ihm vorgetragen wird. Mit dem Buch Kréol Blouz erzählt Carsten Wergin die Geschichte seiner ethnografischen Forschung auf La Réunion, einer Vulkaninsel im südwestlichen Indischen Ozean. Musikstücke auf der beigefügten CD stammen von international bekannten Künstlern der Insel, die er während seiner einjährigen Feldforschung kennen lernte und mit denen er auch selbst Musik machte.

Wie klingt Musik einer Postkolonialen Gesellschaft?

Spielort des Kréol Blouz ist eine kleine Insel im Indischen Ozean, mit Lagunen und Stränden von weißem und schwarzem Sand, die bis zu ihrer Entdeckung vor allem Piraten als Zufluchtsort diente. Eine indigene Bevölkerung gab es vor ihrer Kolonisierung nicht. Eines ist für die Entstehungsgeschichte der Musik La Réunions deshalb von besonderer Bedeutung: Sie ist in einem kreolischen Kontext entstanden. Die Ursprünge der Musik liegen, wie beim Blues, in teilweise gewaltvoller Vermischung, in Sklaverei und Unterdrückung. Heute ist die Musik jedoch vor allem eine Referenz für Besonderheit im Tourismusgeschäft und lukratives Markenzeichen im globalen World Music-Handel. „Mein Ziel war es aufzuzeigen, wie sich mittels Musik die globale Wahrnehmung réunionesischer Identität und Kultur weiter verändern“, sagt Carsten Wergin, und führt fort: „Ich gab diesem Prozess einen kreol-réunionesischen Namen: Kréol Blouz“.

World Music und Musiker in Bewegung

In seinem Buch zeigt Carsten Wergin, wie Menschen auf La Réunion ihre Musik benutzen, um auf sich und ihre Insel aufmerksam zu machen. Im Kréol Blouz beschreiben sie keine nationale Identität, sondern nutzen die kulturelle Vielfalt ihrer Heimat auf kreative Weise. Sie inszenieren darin auch sich selbst, als besonders, als anders und exotisch. Ihre World Music entpuppt sich als Produkt tiefgreifender Auseinandersetzungen mit dem Eigenen und Fremden, deren Entstehungsgeschichte den Autor seinen Forschungen weit über die Grenzen La Réunions hinausführte.

Gerade im Bezug auf aktuelle Forschungsfragen zu Konsum und Kommodifizierung von Kulturerbe und Authentizität im Kontext von World Music, Tourismus oder dem Welterbeprogramm der UNESCO, füllt dieser Text eine wichtige Lücke. In diesen Bereichen finden zurzeit rasante Entwicklungen statt. Sie machen das Buch zu einem wertvollen Beitrag, gerade für jene geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungen, die es zum Ziel haben, die im Moment der Bewegung zu Tage tretenden Standpunkte und Handlungen beteiligter Akteure dokumentieren und analysieren zu wollen.

Titel: Carsten Wergin: Kréol Blouz. Musikalische Inszenierungen von Identität und Kultur (mit Musik-CD). Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2010. ISBN 978-3-412-20442-6

Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: idw Informationsdienst Wissenschaft.

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