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Warum rückten Künstler Christus an den Rand der Passionsdarstellungen?

11.09.2010 / 09:50. Ein renommiertes Stipendium an der National Gallery of Art in der US-Bundeshauptstadt Washington hat Dr. Daniela Bohde, Privatdozentin am Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe Universität, erhalten. Sie forscht ab Mitte September als Samuel H. Kress Senior Fellow am Center for Advanced Study in the Visual Arts (CASVA), das zu den führenden kunstgeschichtlichen Forschungsinstituten in den USA zählt. Dort wird sie sich für ein Jahr ihrem Projekt „Umordnung und Unordnung auf dem Kalvarienberg – Passionsszenen in der altdeutschen Kunst im frühen 16. Jahrhundert“ widmen.


Dabei geht es um die Frage, wieso in Passionsdarstellungen der altdeutschen Kunst die Darstellungskonventionen, die die religiöse Kunst für über tausend Jahre prägten, außer Kraft gesetzt wurden. Seit der frühchristlichen Kunst stellten alle Kreuzigungsbilder Christus nur frontal dar: Das Kreuz Christi war in der Mitte, Christus von vorne zu sehen. Nach 1500 rückten Künstler wie Cranach, Altdorfer, Holbein, Baldung oder Grünewald Christus aus der zentralen Position an den Rand und drehten das Kreuz, so dass Christus nicht mehr voll zu sehen war, sondern perspektivisch verzerrt wurde. Diese experimentellen Kalvarienszenen bestanden nur für etwa 30 Jahre und waren ein ausschließlich deutsches Phänomen. Daniela Bohde erforscht in Washington ihren religions-, kultur- und mediengeschichtlichen Hintergrund. Diese Umbrüche fanden im Umfeld der Reformation statt, die Christus ins Zentrum der Frömmigkeit rückte. Schon vorher entstanden zahlreiche Passionszyklen in der Druckgrafik. Laien konnten so kleine Grafiksammlungen anlegen und einen individuellen Umgang mit Bildern erproben. Für sie waren die Experimente der Künstler bestimmt. Für das Projekt der Frankfurter Kunsthistorikerin ist die National Gallery of Art in Washington als Forschungsstätte ideal: Sie besitzt eine der bedeutendsten Grafiksammlungen.

Das CASVA vergibt jährlich nur sechs Senior Fellowships, die mit 45.000 Dollar dotiert sind. Die meisten gehen an US-amerikanische Professoren für Kunstgeschichte und Archäologie. Daniela Bohde hat an der Universität Hamburg ihre Dissertation über den italienischen Renaissance-Maler Tizian zum Thema „Haut, Fleisch und Farbe – Körperlichkeit und Materialität in den Gemälden Tizians“ geschrieben. Danach war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Institut in Frankfurt. In ihrer im vergangenen Jahr abgeschlossenen Habilitationsschrift beschäftigte sie sich mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Thema, den kunstgeschichtlichen Methoden während des Nationalsozialismus: „Kunstgeschichte als physiognomische Wissenschaft – Eine Denkfigur in der deutschsprachigen kunsthistorischen Literatur zwischen 1920 und 1950“.

Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: idw Informationsdienst Wissenschaft.

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