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Warum manche Fußballkommentare zum nationalen Kulturgut werden
18.06.2010 / 15:45. Herbert Zimmermanns Stimme lässt zumindest den fußballverrückten Deutschen einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. In seinem Radiokommentar zum WM-Finale 1954 ist die Spannung, unter der er in der 84. Minute steht, kaum zu überhören. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt – Toooor! Toooor! Toooor! Toooor!“ Seine Stimme überschlägt sich fast, er spricht schnell und in einer hohen Tonlage. „Typische Anzeichen für große Aufregung“, wie Phonetiker Jürgen Trouvain von der Saar-Uni weiß. Er wird am Tag der offenen Tür am 26. Juni „Phonetische Besonderheiten von WM-Kommentatoren“ vorstellen.Jürgen Trouvain hält die Worte Zimmermanns „für ein nationales Kulturgut, ähnlich wie ein Goethe-Gedicht“. Die Art und Weise, wie der Reporter sprach, prägte sich ins kollektive Gedächtnis Deutschlands ein. „Im Gegensatz dazu ist Rudi Michels kühle Sachlichkeit nicht ins kollektive Gedächtnis eingedrungen“, sagt Trouvain über den Kommentator der WM 1974. Und das, obwohl Deutschland auch in diesem Jahr Weltmeister wurde.
Neben der emotionalen Aussagekraft eines Fußballkommentars untersucht Phonetiker Trouvain auch andere typische Merkmale dieser gesprochenen Textgattung. Fußballkommentatoren sprechen meist extrem kurze Sätze, oft sagen sie nur die Namen der Spieler, die gerade den Ball führen. So ruft Jürgen Trouvain den Zuhörern seines Vortrages beispielsweise ins Bewusstsein, dass die Namen vieler ausländischer Fußballspieler von ihrer (eingedeutschten) Schreibweise herrühren. Wenn ein Kommentator es portugiesisch korrekt aussprechen wollte, müsste beispielsweise Ronaldo viel eher „Ronaudo“ gerufen werden.
Die derzeitige WM in Südafrika eigne sich darüber hinaus hervorragend, um Besonderheiten im Fußballkommentar phonetisch zu untersuchen, sagt Jürgen Trouvain. Das fängt schon bei der ethnischen Struktur des Gastgeberlandes an: Es gibt zwei große Stämme in Südafrika, die Zulu und die Xhosa. Letztere werden mit einem Klick- beziehungsweise Schnalzlaut vorweg ausgesprochen. „Die Welt schaut bei der WM auf Südafrika, und sie hat mehr als zwei Sprachen“, sagt Jürgen Trouvain, der in seinem Vortrag auch vermitteln möchte, dass es für deutsche Ohren und Zungen völlig abseitige und ungewohnte Sprechweisen gibt. Auch die umstrittenen Blasinstrumente Vuvuzelas sind ein Thema. „Es ist das Ungewohnte, was uns daran stört“, erklärt Phonetiker Trouvain.
Neben Fußball-Kommentatoren bieten sich auch weitere Sportkommentatoren als Untersuchungsobjekt an. So stellte Trouvain beispielsweise nur anhand der Aussprache eines Pferdenamens in einer Radioübertragung fest, auf welchem Platz Pferd und Reiter am Ende des Galopprennens landeten. Wie bei Zimmermanns Fußballkommentar sprach der Reitsport-Kommentator immer höher und schneller, je erfolgreicher Pferd und Reiter waren. Jürgen Trouvain hält seinen Vortrag im Rahmen des Tages der offenen Tür am 26. Juni. Er beginnt um 10.30 Uhr im Seminarraum im Erdgeschoss von Gebäude C72.
Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: Universität des Saarlandes.

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