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Evangelische Landeskirche in Württemberg

Erste Dekaninin Württemberg wird 80

13.09.2010 / 15:04. Am 20. September feiert die ehemalige Dekanin von Weikersheim, Marianne Koch, ihren 80. Geburtstag. Aufsehen erregte die Schwäbin vor allem deshalb, weil sie in ihren beruflichen Stationen immer die erste Frau war.

"Es war und ist immer noch ein reiches Leben", sagt Marianne Koch immer wieder und lächelt zufrieden. Ihren runden Geburtstag wird sie in der Kirche und im Schulhaus von Gruorn feiern. Den einzigen Gebäuden, die von diesem Dorf nicht dem ehemaligen Münsinger Truppenübungsplatz zum Opfer gefallen sind. "Die vielen Menschen, denen ich begegnet bin, haben mir viel geholfen und mein Leben bereichert. Dafür möchte ich noch mal "danke" sagen, solange ich das noch kann."


Temperamentvolle kirchliche Oberlehrerin

Die Schule nimmt in der außergewöhnlichen Berufslaufbahn der gebürtigen Uracherin, die in einem pietistischen Elternhaus groß geworden ist, einen festen Platz ein. Schon als Kind hat die Jüngste von vier Geschwistern zuhause gerne Lehrerin gespielt. Mit 22 Jahren schloss sie ihre Lehrerinnenausbildung ab und wollte weiterstudieren. Aber der Schulrat schickte sie nach ihrer ersten Dienstprüfung für das Lehramt an Volksschulen in Weingarten 1952 zunächst in eine einklassige Zwergschule in Steingebronn bei Münsingen. "Zum ersten Mal durfte eine Frau Lehrerin der Einklassenschule sein", sagt Marianne Koch.

1955 legte sie ihre zweite Dienstprüfung ab. Da Koch immer in der Jugendarbeit tätig war, entschied sie sich für das Angebot des Württembergischen Jugendwerkes. Die 26-Jährige wurde Leiterin der Ev. Haushaltsschule Lindau-Schachen und Chefin über etwa 45 Mädchen, die nur zehn Jahre jünger waren als sie. "Ich wurde sehr gefördert von allen", erinnert sich die zierliche Frau. "Für mich und auch für die Mädchen war das eine unheimlich gute und reiche Zeit." Die junge Schulleiterin war mutig und erlaubte den Schülerinnen das, was die anderen Lehrerinnen ihnen nicht zutrauten: In den heißen Tagen durften sie in den Pausen schwimmen oder in der Kirche, wenn die Predigt langweilig war, im Gesangbuch nach guten Texten suchen.

Koch schmunzelt bei der Erinnerung an eine Kirchengemeinderätin, die sich mal bei ihr beschwerte, dass die Mädchen in den Gottesdiensten blättern. Dazu fallen ihr noch die Worte der Leiterin ihres Mädchenkreises ein, die sie ihr beim Abschied sagte: "Marianne, dein Temperament muss noch geheiligt werden". "Das vergesse ich nie", sagt Marianne Koch und lacht lauthals.

Den Kontakt zur ihren damaligen Schützlinge pflegt sie immer noch und ist bei Klassentreffen dabei. Jetzt wollen die ehemaligen Schülerinnen mit ihrer Chefin noch einmal in die Berge, um zur Lindauer Hütte zu wandern.

Ökumenische Schritte

Nach erfolgreichen zwölf Amtsjahren bekam Marianne Koch die Chance eine andere Aufgabe zu übernehmen. Eines Tages im Jahr 1968 kam das Auto des Oberkirchenrates zu ihr nach Lindau. Sie durfte überlegen, ob sie im Schuldienst bleiben und den Weg zur Schuldekanin gehen oder sich mit der Ökumene beschäftigen wolle. "Das war die Zeit, wo das zweite Vatikanum in Rom begann und sich in der Ökumene Null getan hatte", erzählt Koch und ihre dunkelbraunen Augen blitzen auf. Genau die richtige Herausforderung für sie. Deshalb legte sie den Titel der kirchlichen Oberlehrerin und Staatsbeamtin ab, um in den kirchlichen Dienst einzutreten und den Weg einer Pfarrerin einzuschlagen. 1969 machte die frühere Lehrerin die kirchliche Anstellungsprüfung.

Zuerst verbrachte Marianne Koch ein halbes Jahr im Ausland. Während des Studiums am ökumenischen Selly Oak College Birmingham lernte sie verschiedene Kirchen kennen. Danach hat sie die Arbeit im Ökumenereferat im Oberkirchenrat angetreten.

Für die Sekretärinnen in Oberkirchenrat war es am Anfang schwierig zu akzeptieren, dass eine Frau ihnen Anweisungen gibt. "Das war eine harte Nuss. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, bis sie gemerkt haben, dass ich nicht über ihnen stehe, sondern, dass ich mit ihnen zusammen was bewirken will", erzählt die Wegbereiterin der Ökumene, die im Rahmen des Kirchentages in Stuttgart 1969 den ersten gemeinsamen Gottesdienst mit dem katholischen Bischof von Rottenburg mit vorbereitet hat.

Die Ökumene wurde für Marianne Koch das Wichtigste. Sie lernte die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften soweit kennen, dass 1973 die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Baden-Württemberg gegründet worden konnte. "Zu dem Zeitpunkt hat niemand mehr darüber gewusst, was es alles in der Ökumene gibt, als ich", erläutert Koch, weshalb sie die erste Geschäftsführerin über 14 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die sich zusammengeschlossen haben, wurde. Sie schätzt sehr, dass die Männer, die um sie herum verschiedenen Kirchen vertreten haben, ihr als erster Frau zutrauten, diese leitende Position einzunehmen. "Ich war Geschäftsführerin nicht in Bad Urach oder in irgendeinem sonstigen kleinen Ort, sondern in Baden-Württemberg", betont sie. "Das hat mich natürlich mit Riesenfreude und ein bisschen Stolz erfüllt", gesteht damalige Chefin.

1975 wechselte sie ins Stuttgarter Bibelhaus, wo sie unter anderem als Geschäftsführerin der Württembergischen Bibelgesellschaft tätig war. "Ich kann nur dankbar sein und mich darüber freuen, dass mir manches glücken durfte."

Mittagessen bei Dekanin

1984 machte die Ökumenefrau das Sabbatjahr in Basel, wo sie ein Semester Theologie studierte. Dann kam das Angebot, sich auf die Dekanstelle in Weikersheim zu bewerben. Damals wusste sie gar nicht, wo Weikersheim liegt, auch Gemeindeerfahrungen hatte sie kaum. Trotzdem folgte sie dem Rat - nicht zu bescheiden zu sein - und fuhr von Basel direkt nach Weikersheim. Nach acht Wahlgängen, nachts um elf Uhr kam der Anruf, dass von den drei Bewerbern sie gewählt worden ist. "Ja und dann war ich die erste Dekanin in Süddeutschland", bestätigt Koch, die elf Jahre lang Dekanin im nördlichsten Kirchenbezirk in Württemberg war.

Gleich knüpfte sie Kontakte auch zu den katholischen Gemeinden, um weiter ökumenische Akzente zu setzen. Einen ebenso guten Draht hatte die Dekanin zur altpietistischen Gemeinschaft in Weikersheim. "Es ist mir nie schwer gefallen, auf Menschen mit ganz unterschiedlicher Frömmigkeit zuzugehen. Sie sind alle Kinder Gottes."

Bald beschloss die neue Dekanin alle Pfarrer - sowohl evangelische als auch katholische - die keine Familie hatten, zu einem gemeinsamen Mittagessen dienstags bei sich einzuladen. "Alle haben ihre Kalender mitgenommen und so haben wir gleich manche Dienstbesprechungen beim Mittagessen gemacht. Alle waren glücklich", freut sich Marianne Koch, die eine gute Haushälterin hatte, und entdeckte, dass sie selber keine Köchin ist.

Bescheidener und schneller dankbar

"Mein Leben ist nach wie vor ausgefüllt", erzählt die Ruheständlerin, die nach ihrer Pensionierung acht Jahre lang Vorsitzende des Trägervereins von Kloster Kirchberg war. Fleißig pflegt sie die Kontakte und besucht die Freunde, früheren Kollegen, auch katholische, und Förderer, unter ihnen die Oberkirchenräte i.R. Ulrich Fick und Konrad Gottschick.
Marianne Koch geht zu allen Bezirkssynoden. "Ich will am kirchlichem Leben teilhaben, aber ich will nicht irgendwas beeinflussen müssen. In meinem Alter darf ich mir das raussuchen, woran ich Freude und Spaß habe", so Koch, für die es eine Freude ist, wenn der Gottesdienst reich mit Kirchenmusik gestaltet ist und viel gesungen wird.

Seit 15 Jahren wohnt sie auf Empfehlungen des Arztes in Münsingen und leidet nicht mehr an Bronchitis wie in Weikersheim. Fast jeden Tag geht sie zum Mittagessen in die Albklinik. "Ich freue mich, wenn ich noch lange jeden Tag in die Albklinik marschieren kann", sagt Koch und nach kurzer Pause fährt fort: "Man wird bescheidener und schneller für viel kleinere Dinge dankbar, wenn man älter wird." Vor kurzem hat sie ihren rechten Arm gebrochen, dennoch ist sie lebensfroh und hört nicht auf zu lachen. "Man muss, soweit es geht, immer das Positive und Gute rausholen und damit auch zufrieden sein, selbst, wenn es anders gegangen ist, als man sich das gewünscht hat."

Marianne Koch ist bewusst, dass alles, was mit ihr passiert ist, ungewöhnlich ist. "Warum gerade ich so ein Glück hatte, weiß ich nicht. Ganz sicher bin ich nicht besser als viele andere. Trotzdem hat Gott diesen Weg für mich ausgesucht. Es war ein guter Weg, und ich bin Gott dankbar dafür. Ihm das eigene Leben anzuvertrauen ist das Beste, was man tun kann."

Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: Evangelische Landeskirche in Württemberg.

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