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Berliner Islamwissenschaflerin Spielhaus erhält Augsburger Wissenschaftspreis
15.06.2010 / 00:07. Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2010 geht an die Islamwissenschaftlerin Dr. Riem Spielhaus. Ausgezeichnet wird ihre Dissertationsschrift "Wer ist hier Muslim?", mit der sie an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert hat. Der Förderpreis geht in diesem Jahr an die an der Philipps-Universität Marburg vorgelegte Diplomarbeit "Der Einfluss von Metaperceptions auf Kontakterfahrungen und Einstellungen im Intergruppenkontext" des Sozialpsychologen Christian Issmer. Der im Jahr 1998 begründete, vom Forum für Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V. gemeinsam mit der Universität und der Stadt Augsburg getragene Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wird am 22. Juni 2010 um 19.00 Uhr im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses zum zwölften Mal verliehen. Erstmals ist die Preisverleihung eingebettet in zwei begleitende Veranstaltungen mit der Hauptpreisträgerin am 21. und 23. Juni."Wer ist hier Muslim?" - Zur Hauptpreisträgerin Dr. Riem Spielhaus und ihrer Dissertation
Die 1974 in Berlin geborene Hauptpreisträgerin Dr. Riem Spielhaus hat nach einem Studium der Islamwissenschaften und der Afrikanistik an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Mit ihrer Dissertation "Wer ist hier Muslim? Die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung" habe Spielhaus ein höchst aktuelles Thema aufgegriffen und zugleich Einblicke in die Lebenswelten von Migranten in Deutschland ermöglicht, so die Jury des Augsburger Wissenschaftspreises, die diese Arbeit aus 14 Bewerbungen ausgewählt und mit dem auf 5000 Euro dotierten Hauptpreis ausgezeichnet hat.
Ihre wissenschaftliche Laufbahn verband die Preisträgerin schon früh mit politischem Engagement im Kontext Migration - Religion - Bildung. Sie absolvierte während ihres Studiums Praktika in Einrichtungen der Bundesregierung und war später im Arbeitsstab des Beauftragten der Bundesregierung für Integration, Migration und Flüchtlinge als Referentin für das Thema "Religionen Zugewanderter" zuständig. 2006 war sie vom Berliner Senat mit einer Studie über "Moscheen und islamisches Leben in Berlin" beauftragt, anschließend leitete sie das deutsche Team in dem vier europäische Städte vergleichenden Forschungsprojekt "Politische Partizipation und religiöse Integration von Muslimen in Europa nach dem 11. September 2001". Zudem war die Islamwissenschaftlerin von 2005 bis 2009 Co-Moderatorin des "Islamforum Berlin".
"Frau Spielhaus leistet in ihrer Dissertationsschrift die wissenschaftliche Analyse eines politisch aktuell höchst relevanten Themas", urteilt der Jury-Vorsitzende Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Eckhard Nagel. "Obwohl seit den 1970er Jahren Menschen muslimischen Glaubens in größerer Zahl in Deutschland leben, rückte deren andere religiöse Zugehörigkeit erst seit Ende der 1990er Jahre ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Und obwohl in den 1980er Jahren bereits Moscheenvereine gegründet wurden, kam es erst vor kurzem in Deutschland zu einer Bewusstwerdung islamischen Lebens. Dieser Prozess der Bewusstwerdung führte gleichzeitig zu einer Wahrnehmungsverschiebung: Soziale Konflikte werden zunehmend als Glaubenskonflikte wahrgenommen und in religiösen Mustern gedeutet.
Im Forschungsfeld 'Muslime in Deutschland' sind so in letzter Zeit zwei Tendenzen zu beobachten: Zum einen sind dies die Bemühungen von unterschiedlichen islamischen Verbänden um eine Einigung auf gemeinsame muslimische Standpunkte. Zum anderen positionierten sich anerkannte Persönlichkeiten als Muslime, obwohl sie sich zuvor nicht als religiös präsentiert hatten. Hatten sie sich bislang auch keineswegs als zusammengehörig betrachtet, bewirkten äußere gesellschaftliche Ereignisse eine Veränderung ihrer Selbstdarstellung. Aber obwohl die Zuweisungen der Mehrheitsgesellschaft eine Dynamik der verstärkten Auseinandersetzung mit religiösen Themen hervorruft, sind nach der Einschätzung der Preisträgerin Muslime weit davon entfernt, jene homogene Gemeinschaft zu werden, als die sie in politischen Debatten und in den Medien wahrgenommen und dargestellt werden", fasst Nagel zusammen.
Der Förderpreisträger Christian Issmer und seine Tagebuchstudie mit Austauschstudierenden
Der diesjährige Förderpreisträger Christian Issmer wurde 1983 in Osnabrück geboren. Er besuchte dort das Gymnasium und bis zum Vordiplom auch die Universität. Sein weiteres Psychologie-Studium setzte er an der Philipps-Universität Marburg bis zum Diplom im Jahr 2009 fort. Schon während des Studiums wandte er sich dem Schwerpunkt Sozialpsychologie zu und war in diesem Bereich als studentische Hilfskraft tätig. Er absolvierte Praktika in Einrichtungen der Flüchtlingshilfe und leistete Unterstützung in der Traumatherapie von Folteropfern. Seit dem Sommer 2009 ist Issmer als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sozialpsychologie der Philipps-Universität Marburg tätig und evaluiert das Neue Hessische Jugendstrafvollzugsgesetz im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Justiz. Zugleich ist er mit dem Graduiertenkolleg "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" assoziiert.
Issmers Diplomarbeit mit dem Titel "Der Einfluss von Metaperceptions auf Kontakterfahrungen und Einstellungen im Intergruppenkontext: Eine Tagebuchstudie mit Austauschstudierenden" basiert auf einer lebensnahen Studie über die Metawahrnehmungen ausländischer Studierender an der Philipps-Universität Marburg. Metawahrnehmungen sind Annahmen einer Person über das Denken einer anderen Person, z. B. die von ausländischen Studierenden angenommene Bewertungen ihrer deutschen Gesprächspartner. Es geht hier also um Befürchtungen einer Person, die sich mit einer fremden Person unterhält oder etwas mit ihr unternimmt und dabei davon ausgeht, dass die vorliegenden Unterschiede allein dafür verantwortlich sind, wie man sich zueinander verhält. Anders gesagt: Es geht um die Befürchtung, dass Anderssein per se das Miteinander bestimmt, und dass die jeweilige Persönlichkeit eine Rolle spielt. Metawahrnehmungen vermindern die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und Einstellungen zu verbessern.
"Das zentrale Anliegen der Untersuchung von Herrn Issmer war herauszufinden, welchen Einfluss Metawahrnehmungen auf Einstellungen haben. Mittels einer Tagebuchbefragung konnte er zeigen, dass sich negative Metawahrnehmungen negativ auf die Einstellungen und Handlungen zwischen den Partnern auswirken", resümiert Nagel.
Der Preis und die Jury
Der 1998 von Helmut und Marianne Hartmann gestiftete Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wird seither jährlich vom "Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V." gemeinsam mit der Universität und der Stadt Augsburg verliehen, um junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verstärkt für das Thema "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland" zu interessieren.
Über die Preisträger 2010 hat unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Eckhard Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften sowie Leiter des Transplantationszentrum des Klinikums Augsburg, eine neunköpfige Jury entschieden. Ihr gehörten an: Peter Grab, Bürgermeister und Kulturreferent der Stadt Augsburg, Regionalbischof Michael Grabow, die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden (Universität Augsburg), der ehemalige 2. Vorsitzende von FILL e. V., Prof. Rainer Liebich, Prälat Dr. Bertram Meier, die Historikerin und Geschichtsdidaktikerin Prof. Dr. Susanne Popp (Universität Augsburg), der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Weller (Universität Augsburg) sowie der Philosoph Prof. Dr. Walther Christoph Zimmerli (Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus).
Verantwortlich für den Inhalt dieser Meldung: Universität Augsburg.

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